Schätzungsweise ein Kind in jeder Schulklasse ist inkontinent. In diesem Artikel spricht eine Mutter darüber, wie die Inkontinenz ihrer eigenen Kinder die Familie lange Zeit belastet hat. Wie die Familie damit umgegangen ist, was sie rückblickend als Ursache nennen und wie ihre Kinder schließlich doch noch trocken wurden, davon handelt dieser Text.
(Anmerkung: Die Familie möchte aus Gründen der Privatsphäre anonym bleiben. Aus diesem Grund werden im folgenden Text keine Namen, Geschlechter oder Alter genannt. Der Redaktion sind diese aber bekannt.)
"Meine Kinder sind mittlerweile erwachsen. Als sie klein waren, kannte ich Windelfrei noch nicht. Mir ist dieser Gedanke einfach überhaupt nicht gekommen, dass Babys bewusst ausscheiden können. Zwar hatten wir uns schon damals mit Themen wie Hausgeburt und bindungsorientierter Elternschaft auseinandergesetzt und auch gelebt, aber Windelfrei gab es zu dieser Zeit gefühlt einfach noch nicht. Ich kann mich ganz deutlich bei meinem ältesten Kind erinnern, dass es dieses Gefühl von nassen Windeln überhaupt nicht mochte. In meiner Welt kannte ich aber eben nur Windeln. Nach einer gewissen Zeit hat sich mein Kind dann aber daran gewöhnt. Rückblickend ist mir total bewusst, dass es die Fähigkeit dazu hatte, ich es ihm aber abtrainiert habe.
Irgendwann sollte es dann von den Windeln entwöhnt werden. Ich habe es so gemacht, wie ich es aus meiner eigenen Kindheit kannte: Meine Mutter hatte uns Frottee-Unterhosen angezogen, da merkte man direkt, wenn etwas die Beine herunterlief. Das war sehr unangenehm. Meine Kinder sind zudem im Sommer viel nackt herumgelaufen. Nur war das Gefühl für das Ausscheiden bei ihnen bereits so stark abtrainiert, dass es sie gar nicht mehr störte. Und ich dachte mir, über den Sommer werden sie schon trocken. Aber das wurde immer nichts. Dann rückte der Kindergartenstart näher. Damals mussten Kinder noch trocken sein, um in den Kindergarten gehen zu dürfen. Ich habe mit meinem Kind darüber gesprochen und ihm erklärt, dass es für den Kindergarten trocken sein muss. Jetzt wäre ja dann bald der dritte Geburtstag (schon beim zweiten Geburtstag hatten wir dieses Gespräch geführt, ich hatte es regelmäßig daran erinnert). Und beim dritten Geburtstag hat mir dann mein Kind stolz erklärt: Ja, Mama, das ist richtig. Aber der Kindergarten geht ja erst in einem halben Jahr los! Und tatsächlich war es dann pünktlich zur Eingewöhnung im Kindergarten trocken. Jedenfalls die ersten Wochen. Dann ging es wieder los, dass die Hose ständig nass war. Die Betreuer haben das im Kindergarten ganz gut mitgemacht. Es gab dort immer Wechselkleidung und wir haben dann eigentlich jeden Tag eine Tüte mit nassen Klamotten mitbekommen. Da haben wir uns aber noch keine Gedanken gemacht."
"Dann aber ging es irgendwann auf die Schule zu. Wir hatten bis dahin alles probiert: Von Belohnung, Bestrafung bis hin zu Motivation. Wir hatten gut zugeredet, ständig auf die Toilette geschickt – alles, was man so üblicherweise kennt, hatten wir bereits versucht. Wir waren sogar beim Urologen, haben ein Ausscheidungstagebuch geführt. Wir haben wirklich alles gemacht, aber nichts davon hat funktioniert. Und dann kam die Einschulung und es hat wieder relativ schnell geklappt. Nach etwa einem Jahr war unser Kind während der Unterrichtszeit trocken gewesen. Die Schule war damals kürzer und noch nicht so lange, wie sie heutzutage meist ist. Sobald die Schule aus war und unser Kind zu Hause, war die Hose wieder nass, ständig. Das war zwar nicht eine volle Ladung, aber immer wieder kleine Urinflecken. Nachmittags hatten wir meist fünf, sechs, sieben nasse Hosen. Zu der Zeit war das bei uns völlig normal. Irgendwann habe ich dann realisiert: Mein Kind kann es einfach nicht! Es kann zwar in der Schule einhalten, aber es ist dort die ganze Zeit über darauf konzentriert. Ich möchte aber, dass mein Kind sich zu Hause einfach entspannen und sich fallen lassen kann. Selbst wenn es das auf die Gefahr hin tut, dass ich dann mehr Hosen zu waschen habe. Wir haben daraufhin einfach uns verändert. Ich habe im nächsten Secondhandshop alle Hosen leergekauft und auch noch mehr Unterhosen besorgt. Diese Kleidung haben wir separat gesammelt und gewaschen. Wir haben dem Thema irgendwann gar keinen Fokus mehr gegeben. Wir hatten dann auch für uns ein Codewort. Denn oft haben wir gefragt, ob es in die Hose gemacht habe und dann kam immer ein erschrockener Blick an sich herunter und ein Oh! Ja, stimmt! Unser Kind hat das wirklich nicht gemerkt, wenn es eingepieselt hatte. Es hat das weder gefühlt, noch selbst realisiert.
Ich bin heute der Meinung: Hätten wir Windelfrei gemacht, wäre das Ganze so wahrscheinlich nicht gekommen. Es endete dann damit, dass ich irgendwann, ich glaube, da war unser Kind etwa elf Jahre alt, in der Waschküche merkte, dass da kaum noch Hosen zum Waschen da waren. Und das eigentlich auch schon länger. Da bin ich zu unserem Kind gegangen und habe es gefragt, ob es sein kann, dass es das Problem gar nicht mehr habe. Und die Antwort war: Jetzt, wo du es sagst – stimmt! Letztlich weiß keiner von uns, wieso und wann genau es aufgehört hatte."
"Bisher habe ich nur von einem Kind gesprochen, wir haben aber mehrere Kinder. Und jedes Kind hat seine eigene Geschichte. Ein anderes Kind wollte für das große Geschäft nicht auf die Toilette gehen und hat dann immer nach einer Windel verlangt. Und während ein Kind nachts immer trocken war, hatten wir ein anderes Kind, das war nachts immer nass – ungefähr bis zur dritten Klasse. Und bei diesem Kind war es so, dass ich sehr unsicher war, wie wir das bei den Klassenfahrten machen sollten. Bei einem Elternabend habe ich all meinen Mut zusammen genommen und in die Runde gefragt: Mein Kind braucht nachts eine Windel. Kann es trotzdem mit auf Klassenfahrt kommen? Und dann schaute ich mich um und drei, vier Mütter atmeten erleichtert auf: Unsere Kinder auch! Gemeinsam mit den Lehrern haben wir für die Klassenfahrten eine ganz tolle Lösung gefunden. All diese Kinder wurden in ein Zimmer zusammengetan. Und jeden Morgen sind diese Kinder nacheinander in das Lehrerzimmer gegangen, um ihre eigene Windel dort in einem separaten Mülleimer selbst zu entsorgen. Kein anderes Kind hat etwas gewusst. Die haben das so super organisiert, dass es niemand mitbekommen hat. Aber dann in der vierten Klasse waren die anderen Eltern und Kinder sehr wütend, als mein Kind nicht mehr in dieses Zimmer musste, weil es zwischenzeitlich trocken wurde. Da gab es dann viel Neid."
"Ich habe im Laufe der Jahre von vielen anderen Kindern erfahren, die auch länger Windeln trugen. Da gab es ein Kind, das gar nicht mit auf Klassenfahrten gehen und auch nicht andere Kinder zum Spielen oder bei Geburtstagen besuchen konnte, weil es stets das große Geschäft einmachte. Das wusste ich nur, weil sich seine Mutter mir gegenüber geöffnet hatte. Da war das Kind bereits in der vierten Klasse. Es gibt so viele Kinder, die genau dieses Problem haben.
Meistens hört es sehr unterschiedlich auf. Unser eines Kind hat, als es nachts trocken werden wollte, um eine Klingelhose gebeten (Anmerkung: Unterhose mit integriertem Sensor, der klingelt, wenn er mit Feuchtigkeit in Kontakt kommt). Das wurde dann ausprobiert, klappte aber noch nicht. Ein halbes Jahr später hat dieses Kind wieder nach der Klingelhose gefragt und drei Nächte später war es nachts trocken und hat durchgeschlafen. Das Geschwisterkind hingegen hat die Klingelhose eine Nacht ausprobiert und gesagt, dass es die nicht möchte. Bei diesem Kind habe ich es so gemacht, dass ich mich jeden Abend neben es gesetzt habe, wenn es schlief. Ich habe mir die Zeit genommen und versucht, die Signale zu erkennen, wann es muss. Wir haben es auch regelmäßig und mehrfach in der Nacht geweckt, um es auf die Toilette zu bringen. Für unser Kind war es eine große Erleichterung, dass es so keine Windel mehr brauchte. Aber dennoch war das Bett immer wieder nass. Wir haben dann einfach unser Umfeld angepasst: Wir hatten eine Zeit lang eine aufblasbare Luftmatratze, auf der das Kind geschlafen hat. Und als es dann durchgehend trocken war, gab es ein neues Kinderbett.
Dann gab es noch eine Situation, in der eines meiner Kinder zum Ende des Kindergartens einen Skikurs besucht hat. Da wussten wir auch nicht, wie wir das machen sollten. Ein Kind, das sowieso schon Probleme mit dem Auf-Toilette-gehen hat, und dann noch in dem Alter rechtzeitig alleine aus den ganzen Ski-Klamotten herauszukommen soll… Wir haben diesem Kind für die fünf Tage Skikurs schließlich eine Schlupfwindel zum Herunterziehen angezogen. Das wurde dann aber auch rigoros ausgenutzt."
"Dadurch, dass ich mich geöffnet hatte, haben sich mir auch andere Eltern anvertraut. Und so habe ich mitbekommen, dass dieses Thema gar nicht selten vorkam. Im Gegenteil sogar, wie mir auch die Lehrer bestätigten. Ich glaube, dass es letztlich viel an den Windeln lag. Dass wir viel unseren Kindern aberzogen haben. Zu der Zeit meiner Kinder war eine Fremdbetreuung erst ab drei Jahren üblich, dafür mussten sie dann aber auch trocken sein. Ich kann mir vorstellen, dass es heute bei den Kindern, die mit einem Dreiviertel Jahr mit Windel in die Kita kommen, es noch mal eine ganz andere Geschichte ist.
Es bringt letztlich nichts, Druck zu machen, und etwas zu trainieren, das das Kind gar nicht kann. Denn ich behaupte, wir haben es unserem Kind ja abtrainiert. Natürlich wollen die Kinder aber gar nicht ihre Hose beschmutzen. Aber genau das haben wir ihnen mit der Windel letztlich antrainiert. Dadurch ist einfach ganz viel von dieser angeborenen Kompetenz weg."
"Zum Schluss möchte ich noch die Geschichte einer älteren Frau erzählen. Ich kenne eine Frau, die mir mit 80 Jahren anvertraut hat, dass sie das Problem ihr Leben lang beibehalten hat. Sie muss sich immer selbst daran erinnern, auf Toilette zu gehen. Den ganzen Tag ist sie geistig damit beschäftigt. Bis heute fühlt sie es nicht und muss häufig hinter den nächsten Busch, weil es so dringend ist. Aber auch sie musste lernen, damit umzugehen. Sie musste für sich einen Weg finden und ist dennoch in ihrem Leben glücklich geworden. Wir dürfen unsere Kinder dabei begleiten, einen Weg zu finden, damit umzugehen. Wir dürfen unsere Kinder so annehmen, wie sie sind und müssen ihnen keinen übermäßigen Druck machen. Wir dürfen unserem Kind sagen, dass es wunderbar und einzigartig ist. Dass wir es so lieben, wie es ist.“
Wenn dich weitere Erfahrungen und Geschichten rund um das Trockenwerden und Windelfrei interessieren, findest du hier weitere Erfahrungsberichte.
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